„Alles war
von oben gesteuert“
Mainzer Olympia-Forscher Norbert Müller: Pekinger Spiele
waren ein Potemkinsches Dorf
MAINZ Noch laufen in Peking die Paralympics, die Olympischen
Spiele sind seit drei Wochen Geschichte. Der Mainzer Olympia-Forscher Professor
Norbert Müller war zu dem Weltereignis in Chinas Hauptstadt, zum dritten Mal
nach 2006 und 2007. Im Gespräch mit unserer Zeitung schildert er seine
Eindrücke.
Herr Müller, Sie sind mit Skepsis nach Peking gereist,
befürchteten ein „fanatisches Nationalfest“. Sehen Sie sich im Nachhinein
bestätigt?
Müller: Was das Verhalten der Zuschauer angeht – leider ja.
Die Atmosphäre war über die Maßen nationalistisch, die chinesischen Zuschauer
haben sich nur für ihre eigenen Athleten interessiert. Bei Siegerehrungen ohne
chinesische Sportler sind sie vorher gegangen, eine Unsitte, die ich von
Atlanta und Athen kannte.
In westlichen Medien war viel von Zensur und Kontrollen die
Rede. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?
Müller: Ab 12. August war mein E-Mail-Konto plötzlich gesperrt.
Möglicherweise lag es daran, dass ich am Tag zuvor eine Mail an „Radio Vatikan“
geschrieben hatte. Nirgendwo in Peking konnte ich die angekündigten westliche
Zeitungen kaufen und im Olympischen Dorf nur welche, die vier Tage alt waren.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist wegen der
Internetzensur und anderer Vorkommnisse schwer unter Beschuss geraten. Aus
Ihrer Sicht zu Recht?
Müller: Das IOC hat schon vor den Spielen gemerkt, dass es
aufgrund der bürokratischen und politischen Vorgaben in China kaum noch möglich
war, kurzfristig etwas zu verändern. Also hat sich das IOC darauf konzentriert,
den technisch einwandfreien Ablauf der Spiele sicherzustellen, aber politische
Auseinandersetzungen gemieden. Nach den Zwischenfällen mit der
Uiguren-Minderheit oder nach dem Mord am Schwiegervater des
US-Volleyballtrainers ging die chinesischen Medien, auch das internationale
chinesisch TV-Programm CCTV schnell zur Tagesordnung über; kein Vergleich zur
publizistischen Aufbereitung des Attentats im Centenial-Park in Atlanta 1996.
War also alles nur eine große Inszenierung?
Müller: Die Chinesin haben eine beeindruckende Fassade gebaut.
Hotels für die ausländischen Gäste wie aus 1000 und eine Nacht. Die Straße vor
dem IOC-Hotel war abgesperrt, akkreditierte Personen sollten nur Dienstwagen nutzen
statt öffentlicher Verkehrsmittel. Zugleich erhielten die ausländischen
Funktionäre den Status von Staatsgäste. Es war eine Mischung aus Abschottung
und äußerem Schein.
Eine lockere, heitere Stimmung kam unter diesen Umständen
wohl nicht auf…
Müller: Begegnungen mit Chinesen waren schon wegen der
Sprachbarrieren selten.Vielke hatten mit Ausländern noch nie etwas zu tun,
waren geradezu scheu.Wenn man auf sie zuging, z.B. für ein gemeinsames Foto,
was alle liebten, tauten sie auf. Ich behaupte, dass von den angeblich 1,8
Millionen freiwilligen Helfern 1,7 Millionen Sicherheitsleute waren, denn in
Athen hatte man nur 80 000 Volunteers gebraucht. Und diese Kontrolleure waren
unglaublich nervös. Die Angst, Fehler zu machen, war so groß, dass keiner etwas
riskiert hat. Ich bin einmal beim Modernen Fünfkampf über eine Absperrung
geklettert, um der deutschen Siegerin eine Fahne zu bringen. Dafür bin ich
sofort von vier Aufpassern abgeführt worden.
War diese Anspannung auch bei den Zuschauern zu spüren?
Müller: Alle waren darauf getrimmt, perfekte Gastgeber zu
sein. Und aufgrund ihres Nationalstolzes waren die Chinesen geradezu ängstlich
darauf bedacht, vor den Gästen aus dem Ausland zu bestehen. Das war für sie
eine große Aufgabe.
Konnten Sie dennoch „normale“ Kontakte mit Einheimischen
aufnehmen?
Müller: Wie bei vergangenen Spielen haben die Sportstudenten
der Mainzer Forschungsgruppe Olympia auch diesmal Fragebögen verteilt,
insgesamt 2500. Dabei ging es um Themen wie sportliche Organisation, olympische
Werte, darunter Politik, Doping oder auch die Zukunft der Olympischen Spiele.
Die Chinesischen Zuschauer haben uns diese Fragebögen aus den Händen gerissen,
so kamen wir mit Hilfe unserer chinesischen Partnerstudenten oft ins Gespräch.
Ich hatte vorher Bedenken, dass die Sicherheitsleute uns an der
Fragebogenaktion hindern würden. Aber die waren zum Glück mit anderen Dingen
beschäftigt. Zum Glück führten wir die Interviews an den letzten 3 Tagen durch,
da war die Medaillen-Euphorie der über 90% Chinesen im Stadion sehr groß, dass
sie sich mit den Fragen im positiven Sinne identifizierten.
Das Interview führte
Ulrich Gerecke
©Interview Allgemeine Zeitung Mainz (16.9.2008)
von Ulrich Gerecke mit Prof. Dr. Norbert Müller,
Leiter der Forschungsgruppe Olympia
Bild 1: Mainzer Studentin beim
Austeilen der Fragenbogen
Bild 2: Am
Anfang und Ende jeder Stadionreihe saßen solche junge Sicherheitsleute